Selektion durch Pränataldiagnostik – What the fuck!?

Selbstbestimmung in einer patriarchalen, kapitalistischen, behinderten- und kinderfeindlichen Gesellschaft

Vorgeburtliche Untersuchungen, die mögliche Gesundheitsrisiken und genetische Abweichungen beim Fötus erkennen sollen, werden immer präsenter. Es werden neue Tests zur Diagnose des Fötus entwickelt und darüber diskutiert, ob zusätzliche pränatale Untersuchungen in den Katalog der Regeluntersuchungen von Krankenkassen mit aufgenommen werden sollen. Durch die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik (PND), den Fötus noch vor der Geburt auf seinen Gesundheitsstatus zu untersuchen, werden werdende Eltern und Schwangere, die sich für ein Kind entschieden haben, vor neue Entscheidungen und Fragen gestellt.

Als Feminist*innen kämpfen wir dafür, dass Schwangere selbst entscheiden können, ob sie die Schwangerschaft beenden oder ein Kind bekommen wollen. Wir setzen uns für den unbegrenzten, legalen und kostenfreien Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen ein und fordern, dass gesundheitliche Vorsorge und Aufklärung frei zugänglich sind und von Schwangeren selbstbestimmt gewählt werden können. Doch was bedeutet diese feministische Position, wenn es um den Ausbau von Pränataldiagnostik und um Schwangerschaftsabbrüche nach einer auffälligen Diagnose beim Fötus geht?

Als What the fuck-Bündnis steht seit einiger Zeit in unserem Aufruf, dass wir uns gegen Selektion durch PND aussprechen. Im Einzelnen bedeutet das:

1. Wir sehen es sehr kritisch, dass es bei der Schwangerschaftsvorsorge Diagnoseverfahren gibt, durch die potentielle Behinderungen festgestellt werden können. Und wir lehnen ab, dass diese Diagnosemöglichkeiten weiter ausgebaut und zu Kassenleistungen werden.
Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, durch PND einen Verdacht auf eine Trisomie 21 festzustellen – diese Untersuchung bezeichnen wir als selektiv. Denn auf die Diagnose kann keine medizinische Behandlung erfolgen, da es sich bei Trisomien um Gendefekte handelt. Anders ist dies zum Beispiel bei Herzfehlern. Auch diese können durch vorgeburtliche Untersuchungen festgestellt werden – und es kann hier sinnvoll sein, den Herzfehler noch vor der Geburt operativ zu behandeln oder es können besondere Maßnahmen bei der Geburt ergriffen werden. Diese Behandlung hat zum Zweck, den Fötus zu erhalten bzw. das Leben des Neugeborenen zu sichern. Die Untersuchung nach Herzfehlern bezeichnen wir deshalb als nicht selektiv, da hier eine Behandlung folgen kann.
Wenn beispielsweise ein positiver Befund für eine Trisomie 21 vorliegt, ergeben sich nur der Abbruch der Schwangerschaft oder das Austragen als Handlungsoptionen. Deshalb bezeichnen wir die Untersuchung nach Gendefekten als selektiv und lehnen diese ab. Wir kritisieren, dass es Normalität ist, dass Schwangerschaften abgebrochen werden, wenn eine potentielle Behinderung diagnostiziert wird.

2. Wir begreifen Behinderung als gesellschaftliche Konstruktion und als Prozess. PND verstärkt hingegen die Auffassung von einer in den Körper eingeschriebenen Behinderung. Behinderung wird dabei biologisiert und folgt damit dem medizinischen oder individuellen Modell von Behinderung „als individuelle Tragödie“.

Nun wurde uns immer wieder vorgeworfen, dass wir damit Schwangeren die Entscheidungsfreiheit absprechen und den Zugang zu medizinischen Untersuchungen beschränken würden. Wir haben den Eindruck, dass diese Kritik unsere Perspektive missversteht. Das liegt nahe, denn die Thematik verlangt nach Graustufen, es gibt nicht immer ein richtig oder falsch, denn das Thema ist knifflig, produziert Knoten im Kopf und irritiert. Es ist eine Herausforderung, der wir uns aber unbedingt stellen müssen – denn sonst dominieren selbsternannte Lebensschützer*innen das Feld. Und damit ist wirklich niemandem geholfen.

Uns ist es wichtig, dass die Diskussion um PND und Spätabtreibungen nicht in den Körper der Schwangeren verlegt wird. Uns geht es nicht um die eine Entscheidung der einen Schwangeren. Sondern wir wollen sichtbar machen, dass PND nicht immer Selbstbestimmung bedeutet, sondern es oft darum geht, die Bevölkerung gesund zu halten – und die Schwangere für die Gesundheit des Nachwuchs verantwortlich zu machen. PND ist eingebettet in einen größeren gesellschaftspolitischen Kontext von wissenschaftlichem „Fortschritt“, Behinderung, neoliberaler Ideen und Schwangerschaft bzw. Elternschaft.

Als Bündnis kommen wir immer wieder zu dem Punkt, dass der Selbstbestimmungsbegriff aktualisiert werden muss. In einer patriarchalen, kapitalistischen, behinderten- und kinderfeindlichen Gesellschaft ist Selbstbestimmung relativ, und es lohnt sich ein zweiter Blick. Es geht darum, behindertenfeindliche Strukturen zu erkennen und zu kritisieren.

Eine mögliche Behinderung eines Kindes soll nicht bereits in der Schwangerschaft von Ärzt*innen und Geburtsbegleiter*innen als Katastrophe vermittelt werden. Wir fordern, dass Beratungsangebote erweitert und institutionalisiert werden. Schwangere sollen zu Beginn der Schwangerschaft umfassende Informationen über Risiken bei einer Schwangerschaft, PND und den Abbruch einer Schwangerschaft erhalten. Und nicht erst, wenn bei der Vorsorgeuntersuchung vermeintliche Abweichungen festgestellt werden. Oft gibt es einen sehr tendenziösen Umgang von Ärzt*innen und Beratungseinrichtungen, nachdem eine abweichende Diagnose bei einer Vorsorgeuntersuchung gemacht wird. Der Schwangeren wird oft ein Abbruch empfohlen, die Beratungen sind einseitig.

Es geht bei dem Thema auch um Solidarität mit Menschen mit Behinderung und ihrem Umfeld. Wie sieht das Leben von Menschen mit Behinderung aus? Was bedeutet es Eltern zu sein von Kindern mit Behinderung? In unserer feministischen Praxis müssen wir Leben mit und ohne Behinderung mitdenken. Politik von und für Menschen mit Behinderung ist Teil feministischer Kämpfe.

Wir fordern einen differenzierteren Umgang mit Pränataldiagnostik und ein Neudenken des Begriffs Selbstbestimmung!

Lisa, organisiert im What the fuck-Bündnis

Zum Weiterlesen:

Köbsell, Swantje (2010): Gendering Disability: Behinderung, Geschlecht und Körper. In: Jacob, Jutta; Köbsell, Swantje; Wollrad, Eske (Hg.): Gendering Disability. Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht. Bielefeld: transcript Verlag, S. 17-33.
Achtelik, Kirsten (2015): Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung. Berlin: Verbrecher Verlag, Seite 179.